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Gesundheitsförderung I: Definition, Ziele, Prinzipien, Handlungsebenen und -strategien

Lotte Kaba-Schönstein

(letzte Aktualisierung am 27.01.2011)


Der Leitbegriff Gesundheitsförderung ist entstanden als Bezeichnung für ein gesundheitspolitisches Aktionsprogramm zur Erreichung der Ziele „Gesundheit für alle 2000“. Ziele und Prinzipien der Gesundheitsförderung sind Anfang der 1980er-Jahre im Wesentlichen im Europäischen Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt und 1986 in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung zusammengefasst worden. Die Charta verstand sich als Handlungsanstoß für eine „New Public Health“ (Gesundheitsförderung II, Gesundheitswissenschaften/Public Health).

In der Ottawa-Charta wird definiert, dass Gesundheitsförderung auf einen Prozess ziele, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Diese Definition ist in der Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert (1997) weiterentwickelt worden: Gesundheitsförderung wird seitdem verstanden als ein Prozess, der Menschen befähigen soll, mehr Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen und sie zu verbessern durch Beeinflussung der Determinanten für Gesundheit.

Im Einklang mit der Philosophie der WHO seit Alma-Ata 1977 ist der Ansatz der Gesundheitsförderung gekennzeichnet durch einen starken Fokus auf gesundheitliche und soziale Ungleichheiten und die Herstellung von Chancengleichheit (Primäre Gesundheitsversorgung).

Gesundheitsförderung ist nach dem Verständnis der WHO ein Konzept, das bei der Analyse und Stärkung der Gesundheitsressourcen und -potenziale der Menschen sowie auf allen gesellschaftlichen Ebenen ansetzt (Gesundheitsförderung VI). Kennzeichnend für das Konzept Gesundheitsförderung ist deshalb auch die salutogenetische Perspektive mit der Fragestellung, wie und wo Gesundheit hergestellt wird. Diese Perspektive führt zur Identifikation von Ressourcen und Potenzialen und ermöglicht deren gezielte Stärkung. Insofern bedeutete Gesundheitsförderung ursprünglich eine Abkehr von einer nur an der Pathogenese und an Risiken und Risikofaktoren orientierten Perspektive der Gesundheitserziehung und Prävention (Gesundheitsförderung II/VI, Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung). Inzwischen wird die an salutogenen Ressourcen und Potenzialen orientierte Gesundheitsförderung überwiegend als gleichrangige Ergänzung der an pathogenen Risiken orientierten Prävention angesehen. Waller versteht Gesundheitsförderung und Prävention als die beiden grundlegenden Strategien zur Verbesserung und Erhaltung der Gesundheit (Abb. 1).

Abb. 1: Gesundheitsförderung und Prävention: Strategien und Methoden (aus: Waller 2006, 161)

Abb. 1: Gesundheitsförderung und Prävention: Strategien und Methoden (aus: Waller 2006, 161)

Gesundheitsförderung ist ein komplexer sozialer und gesundheitspolitischer Ansatz, der ausdrücklich sowohl die Verbesserung von gesundheitsrelevanten Lebensweisen als auch die Verbesserung von gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen umfasst. Gesundheitsförderung will nicht nur individuelle Lebens- und Handlungsfähigkeiten beeinflussen und Menschen zur Verbesserung ihrer Gesundheit befähigen. Sie zielt darüber hinaus auf ökonomische, soziale, ökologische und kulturelle Faktoren und auf die politische Intervention zur Beeinflussung dieser gesundheitsrelevanten Faktoren (Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, Gesundheitspolitik).

Zu den Maßnahmen der Gesundheitsförderung gehören z.B. die Gesetzgebung zur Reduktion von Gesundheitsbelastungen und zur Unterstützung von Gesundheitshandeln, Health Impact Assessment/Gesundheitsverträglichkeitsprüfung sowie gesundheitsförderliche Strukturmaßnahmen zur Verbesserung von Wohnbedingungen, Arbeitsbedingungen und Gemeinschaftsverpflegung in verschiedenen Institutionen (Gesundheitsschutz). Durch gesundheitspolitische Interventionen sollen die Handlungs- und Wahlmöglichkeiten der Menschen erweitert werden und soll „die gesündere Wahl zur leichteren Wahl“ gemacht werden.

Die Ziele und Prinzipien von Gesundheitsförderung wurden erstmals 1984 vom Europäischen Regionalbüro der WHO in dem Grundsatzpapier „Diskussionsgrundlage über Konzept und Prinzipien“ zusammengefasst. Dieses erste eigenständige (inoffizielle) Grundsatzdokument der Gesundheitsförderung bezeichnet als Ziele von Gesundheitsförderung die Befähigung von Menschen, größeren Einfluss auf die Erhaltung und Verbesserung ihrer Gesundheit zu nehmen und die Bedingungen und Ursachen von Gesundheit zu beeinflussen. Daraus resultiert die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit vieler Bereiche mit vielfältigen Faktoren. Abbildung 2 fasst die wichtigen Perspektiven und Prinzipien von Gesundheitsförderung aus damaliger Sicht zusammen.

  • Sozioökologisches Verständnis der ständigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt
  • Blick auf die gesamte Bevölkerung in ihren alltäglichen Lebenszusammenhängen und nicht ausschließlich auf spezifische Risikogruppen
  • Verbindung unterschiedlicher, aber einander ergänzender Maßnahmen oder Ansätze, einschließlich Information, Erziehung, Gesetzgebung, steuerlicher Maßnahmen, organisatorischer Regelungen, gemeindenaher Veränderungen sowie spontaner Schritte gegen Gesundheitsgefährdungen
  • Konkrete und wirkungsvolle Beteiligung der Öffentlichkeit
  • Gesundheitsförderung als primäre Aufgabe im Gesundheits- und Sozialbereich und nicht als „medizinische Dienstleistung“

Abb. 2: Konzept und Prinzipien der Gesundheitsförderung (aus: Regionalbüro für Europa der WHO 1984)

Diese Ziele und Prinzipien wurden 1986 in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung als erstem wegweisendem und offiziellem Dokument veröffentlicht und 1997 in der Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert bestätigt und weiterentwickelt (Gesundheitsförderung II/III).

Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung - Aktionsstrategien und Handlungsbereiche/Handlungsebenen der Gesundheitsförderung: Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung fasst die wichtigsten Aktionsstrategien und Handlungsbereiche der Gesundheitsförderung zusammen. Sie unterscheidet drei grundlegende Handlungsstrategien und fünf vorrangige Handlungsbereiche der Gesundheitsförderung (Abb. 3).

Abb. 3: Mehrebenenmodell der Gesundheitsförderung (modifiziert nach Projekt Gesundheitsförderung, Universität Bielefeld/Göpel o. J.)

Abb. 3: Mehrebenenmodell der Gesundheitsförderung (modifiziert nach Projekt Gesundheitsförderung, Universität Bielefeld/Göpel o. J.)

Als Handlungsstrategien der Gesundheitsförderung werden hervorgehoben:

  1. Anwaltschaft für Gesundheit („advocacy“ - auch übersetzt als „Interessen vertreten und durchsetzen“ oder „Parteinehmen“, Anwaltschaft) meint das aktive Eintreten für Gesundheit im Sinne der Beeinflussung politischer, ökonomischer, sozialer, kultureller, biologischer Faktoren sowie von Umwelt- und Verhaltensfaktoren.
  2. Befähigen und ermöglichen („enable“) spricht v.a. Konzepte wie Kompetenzförderung und Empowerment an mit dem Ziel, bestehende Unterschiede des Gesundheitszustands zu verringern und selbstständig das größtmögliche Gesundheitspotenzial zu verwirklichen.
  3. Vermitteln und vernetzen („mediate“, Vermitteln und Vernetzen) meint die aktive und dauerhafte Kooperation mit allen Akteuren innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens.

Die fünf vorrangigen Handlungsebenen und -bereiche der Gesundheitsförderung sind:

  1. Entwicklung einer Gesundheitsfördernden Gesamtpolitik („build healthy public policy“). Da Gesundheitsförderung über medizinische und soziale Versorgung hinausgeht, muss Gesundheit auf allen Ebenen und allen Politikbereichen auf die politische Tagesordnung gesetzt werden und müssen Politiker und Politikerinnen die gesundheitlichen Konsequenzen ihrer Entscheidungen und ihrer Verantwortung für Gesundheit deutlich machen. Eine Politik der Gesundheitsförderung wendet dazu verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Ansätze an, z.B. Gesetzesinitiativen, steuerliche Maßnahmen, organisatorisch-strukturelle Veränderungen.
  2. Gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen („create supportive environments“ - auch als Schaffen unterstützender Umweltbedingungen übersetzt). Die enge Verbindung zwischen Mensch und Umwelt wird als die Grundlage für einen sozialökologischen Weg zur Gesundheit angesehen. Gesundheitsförderung schafft sichere, anregende und befriedigende Arbeits- und Lebensbedingungen und macht den Schutz der natürlichen und sozialen Umwelt sowie die Erhaltung der natürlichen Ressourcen zu ihrem Thema (Nachhaltigkeit und nachhaltige Gesundheitsförderung, Ökologische und humanökologische Perspektive).
  3. Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen („strengthen community action“). Zentrales Anliegen der Gesundheitsförderung ist die Unterstützung von Nachbarschaften, Gemeinschaftsaktivitäten von Bürgern und Bürgerinnen, Selbsthilfeaktivitäten und Gemeinden im Sinne vermehrter Selbstbestimmung, Autonomie und Kontrolle über ihre eigenen Gesundheitsbelange (Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Partizipation, Selbsthilfe, Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeförderung, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung).
  4. Persönliche Kompetenzen entwickeln („develop personal skills“). Gesundheitsförderung unterstützt die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Fähigkeiten durch Information, gesundheitsbezogene Bildung sowie die Verbesserung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fertigkeiten. Sie will dadurch den Menschen helfen, mehr Einfluss auf ihre eigene Gesundheit und ihre Lebenswelt auszuüben. Sie will ihnen zugleich ermöglichen, Veränderungen in ihrem Lebensalltag zu treffen, die ihrer Gesundheit zugute kommen. In diesem Zusammenhang sollen Menschen zu lebenslangem Lernen befähigt werden und ihnen soll geholfen werden, mit den verschiedenen Phasen ihres Lebens sowie eventuellen chronischen Erkrankungen und Behinderungen umgehen zu können (Gesundheitliche Aufklärung und Gesundheitserziehung, Gesundheitsberatung, Gesundheitsbildung, Health Literacy/Gesundheitskompetenz, Lebenskompetenzen und Kompetenzförderung, Patientenberatung/-edukation).
  5. Die Gesundheitsdienste neu orientieren („reorient health services“). Die Gesundheitsdienste sollen ein Versorgungssystem entwickeln, das über die medizinisch-kurativen Betreuungsleistungen hinaus auf die stärkere Förderung von Gesundheit ausgerichtet ist und sich an den Bedürfnissen der Menschen als ganzheitliche Persönlichkeiten orientiert (Gesundheitsförderung und Krankenhaus). Die Angehörigen der Gesundheitsdienste sollen die Möglichkeiten der Koordination zwischen dem Gesundheitssektor und den anderen gesundheitsrelevanten sozialen, politischen und ökonomischen Kräften verbessern.

Die verschiedenen Handlungsebenen und -bereiche der Gesundheitsförderung werden auch als „Mehrebenenansatz“ der Gesundheitsförderung bezeichnet. Der fünfte Handlungsbereich „Gesundheitsdienste neu orientieren“ wurde in der Folgezeit und in Darstellungen des Ansatzes verallgemeinert zur Ebene der „Institutionen“. Die fünf Handlungsbereiche und -ebenen der Charta wurden auf der 4. Konferenz von Jakarta 1997, elf Jahre nach der Konferenz und Charta von Ottawa, ausdrücklich als wirksame „Strategien“ bestätigt (Gesundheitsförderung III).

Akteure, beteiligte Berufsgruppen, Zielgruppen und Voraussetzungen der Gesundheitsförderung: Der komplexe Ansatz und Prozess der Gesundheitsförderung ist nicht vorrangig eine Aufgabe des Medizinsystems oder des Gesundheitswesens sowie seiner Berufsgruppen. Er erfordert die aktive Beteiligung der Bevölkerung und die Kooperation einer Vielzahl von Akteuren, Sektoren und Berufsgruppen auf allen Ebenen, insbesondere die intersektorale Kooperation.

Gesundheitsförderung richtet sich an alle Menschen in allen Lebenslagen und Lebensphasen. Dies umfasst auch ausdrücklich Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Durch lebenslanges Lernen sollen Menschen befähigt werden, verschiedene Lebensphasen und eventuell chronische Erkrankungen und Behinderungen zu bewältigen.

Die Ottawa-Charta benennt grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit, an die jede Verbesserung des Gesundheitszustandes zwangsläufig fest gebunden sei: Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Ökosystem, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

Der Settingansatz der Gesundheitsförderung: Eine Kernstrategie der Gesundheitsförderung ist der Settingansatz/Lebensweltansatz, der Gesundheitsförderung auf die Lebensbereiche, Systeme und Organisationen wie Stadt, Gemeinde, Quartier, Kindertageseinrichtung, Schule, Betrieb etc. ausrichtet, in denen Menschen einen großen Teil ihrer Lebenszeit verbringen und die mit ihrem sozialen Gefüge und mit ihrer Organisationsstruktur und -kultur die Gesundheit der Einzelnen beeinflussen. Eng verbunden mit dem Settingansatz ist die Organisationsentwicklung als Methode der Gesundheitsförderung, die einen Prozess geplanter organisatorischer Veränderung der Settings und Systeme anregt und unterstützt.

Der Settingansatz ist als wichtige Strategie der Gesundheitsförderung weiterentwickelt worden und hat sich bewährt. Er ist im aktuellen gesundheitspolitischen Grundsatzprogramm für Europa „Gesundheit21“ ausdrücklich als besonders bedeutsam und wirksam herausgehoben worden (Gesundheitsförderung III; zu den Settingprojekten und Netzwerken für die Settings Stadt/Kommune, Krankenhaus, Kindertageseinrichtung, Schule, Hochschule, Betrieb siehe Gesundheitsförderung V/VI, Gesundheitsförderung und Betrieb, Gesundheitsförderung und Kindertageseinrichtungen, Gesundheitsförderung und Krankenhaus, Gesundheitsförderung und Schule/Hochschule, Gesundheitsförderung und Gesunde/Soziale Stadt/Kommunalpolitische Perspektive).

Die Ziele, Prinzipien und Handlungsebenen und -strategien wurden auf der Internationalen Gesundheitsförderungs-Konferenz von Jakarta 1997 bilanziert und aktualisiert und in einer Erklärung zusammengefasst.

Die Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert (1997): Die Konferenz von Jakarta fand 1997 zur Würdigung und Evaluation der vergangenen Dekade nach Ottawa und zur Entwicklung von Perspektiven für das 21. Jahrhundert statt. In der Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert heißt es: „Gesundheitsförderung ist ein Prozess, der Menschen befähigen soll, mehr Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen und sie zu verbessern. Durch Investitionen und Maßnahmen kann Gesundheitsförderung einen entscheidenden Einfluss auf die Determinanten für Gesundheit ausüben. Ziel ist es, den größtmöglichen Gesundheitsgewinn für die Bevölkerung zu erreichen, maßgeblich zur Verringerung der bestehenden gesundheitlichen Ungleichheiten beizutragen, die Menschenrechte zu stärken und soziale Ressourcen aufzubauen. Letztendlich gilt es, die Gesundheitserwartung zu vergrößern und die diesbezügliche Kluft zwischen Ländern und Bevölkerungsgruppen zu verringern.“

Der neu eingeführte Begriff des Gesundheitsgewinns bietet die Möglichkeit, die Verbesserung von Gesundheitsergebnissen auszudrücken und alternative Interventionen hinsichtlich des größtmöglichen Gesundheitsgewinns zu vergleichen. Als Gesundheitsergebnisse werden Veränderungen im Gesundheitszustand eines Individuums, einer Gruppe oder einer Bevölkerung verstanden, die einer geplanten, systematischen Intervention oder Folge von Interventionen zugerechnet werden können. Hurrelmann hat in Anlehnung an Pelikan und Halbmayer die Orientierung am Erzielen von Gesundheitsgewinn zur Kennzeichnung und Unterscheidung von Gesundheitsförderung und Prävention dargestellt (Abb. 4).

Abb. 4: Gesundheitsgewinn bei Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention (aus: Hurrelmann 2006, 99)

Abb. 4: Gesundheitsgewinn bei Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention (aus: Hurrelmann 2006, 99)

In der Jakarta-Erklärung, die sich als Handlungsrahmen für Gesundheitsförderung versteht, werden die Voraussetzungen für Gesundheit benannt. Armut wird als größte Bedrohung der Gesundheit hervorgehoben. Bei den Determinanten für Gesundheit gelten als neue Herausforderungen demografische Trends wie die Verstädterung und die steigende Zahl älterer Menschen, die hohe Prävalenz chronischer und psychischer Erkrankungen, wieder auftretende Infektionskrankheiten und transnationale Faktoren wie die Globalisierung der Wirtschaft und Informationstechnologie.

Die Gesundheitsförderung wird als erwiesenermaßen wirksam und erfolgreich bezeichnet. Als entscheidend für den Erfolg werden die fünf in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung aufgezeigten Handlungsebenen und -strategien aufgeführt und bestätigt. Der wissenschaftliche Erkenntnisstand zeige, dass

  • umfassende Ansätze der Gesundheitsentwicklung am wirksamsten sind, d.h. solche, die die fünf Handlungsbereiche und -strategien kombinieren,
  • insbesondere Settings als Lebensbereiche, in denen Menschen den größten Teil ihrer Zeit verbringen, gute Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung solcher umfassender Strategien bieten,
  • die Einbeziehung der Bevölkerung in gesundheitsfördernde Entscheidungen unerlässlich für eine dauerhafte Umsetzung und Wirksamkeit ist.

Um die alten und neuen Herausforderungen für die Gesundheitsförderung meistern zu können, bedürfe es neuer Handlungsformen. Hiermit ist insbesondere die Notwendigkeit einer verbesserten intersektoralen Zusammenarbeit und das Entwickeln neuer, gleichberechtigter Partnerschaften für Gesundheit gemeint.

Fünf Prioritäten der Gesundheitsförderung für das 21. Jahrhundert werden formuliert:

  • Förderung sozialer Verantwortung für Gesundheit,
  • Ausbau der Investitionen in die Gesundheitsentwicklung,
  • Festigung und Ausbau von Partnerschaften für Gesundheit,
  • Stärkung der gesundheitsfördernden Potenziale von Gemeinschaften und der Handlungskompetenz des Einzelnen,
  • Sicherstellung einer Infrastruktur für die Gesundheitsförderung.

Die Erklärung schließt mit einem Aufruf zum Handeln und fordert ein weltweites Bündnis zur Gesundheitsförderung.

Das 1986 in der Ottawa-Charta begründete und zusammengefasste, 1997 in der Jakarta-Erklärung im Wesentlichen bestätigte Handlungskonzept der Gesundheitsförderung ist gekennzeichnet durch die in Abbildung 5 zusammengefassten Orientierungen.

Orientierung an Gesundheit

Konzeptioneller historischer Wendepunkt und grundlegend für das Handlungskonzept Gesundheitsförderung; die Umorientierung von der Verhütung von Krankheiten zur Förderung von Gesundheit und zu der Frage, wo und wie Gesundheit hergestellt wird, ist auch als Paradigmenwechsel bezeichnet worden, etwas vorsichtiger als Perspektivenwechsel

Orientierung an Kompetenzen, Schutzfaktoren und Ressourcen

Statt Orientierung an Risiken und Defiziten wie in der Prävention von Krankheiten

Verständnis von Gesundheit als Kompetenz zur selbstbestimmten Lebensgestaltung und -bewältigung

Gesundheitsförderung auf der Ebene des Individuums und von Gruppen und Gemeinschaften als Befähigung, Kompetenzförderung und Empowerment

Sozialökologisches Verständnis von Gesundheit und Gesundheit beeinflussenden Faktoren

Starke Orientierung auf die politische Gestaltung der gesundheitsrelevanten Faktoren und Bedingungen (im Sinne von Bedingungs- und Strukturgestaltung) und Betonung der Notwendigkeit intersektoraler Zusammenarbeit auch und gerade von und mit Sektoren außerhalb des Gesundheitswesens

Partizipation

Teilhabe aller Betroffenen und Beteiligten; die Unterstützung von Selbsthilfeaktivitäten

Lebenswelt- und Alltagsorientierung

Lebensstil, Lebensweise, Settingansatz

Gemeinwesenorientierung

Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit

Beachtung gesundheitlicher Chancengleichheit

Verringerung sozialer Ungleichheiten von Gesundheit und Krankheit; Gesundheitsförderung und sozial benachteiligte Menschen

Abb. 5: Perspektiven und Orientierungen der Gesundheitsförderung

(Zu aktuellen Themen und Stand der Diskussion siehe Gesundheitsförderung III, zur weiteren Einordnung und Bewertung Gesundheitsförderung VI.)

Literatur: Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz, Wien (Hg.), Europäische Monographien zur Forschung in Gesundheitserziehung 6, Wien 1984;
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.), Europäische Monographien zur Forschung in Gesundheitserziehung 5, Köln 1983;
Franzkowiak P/Sabo P (Hg.), Dokumente der Gesundheitsförderung, Mainz 1993;
Göpel E/Gesundheitsakademie e.V. (Hg.), Nachhaltige Gesundheitsförderung. Gesundheit gemeinsam gestalten - Band 4, Frankfurt 2010;
Hurrelmann K/Laaser U, Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention, in: Handbuch Gesundheitswissenschaften, hrsg. von Hurrelmann/Laaser/Razum, 2. Aufl., Weinheim 2006;
Hurrelmann K, Gesundheitssoziologie, Weinheim 2006;
Kickbusch I, Die Gesundheitsgesellschaft - Megatrends der Gesundheit und der Konsequenzen für Politik und Gesellschaft, Gamburg 2006;
Naidoo J/Wills J, Lehrbuch der Gesundheitsförderung. Überarbeitete, aktualisierte und durch Beiträge zum Entwicklungsstand in Deutschland erweiterte Neuauflage, hrsg. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Gamburg 2010;
Regionalbüro für Europa der WHO, Gesundheitsförderung - Eine Diskussionsgrundlage über Konzept und Prinzipien, 1984, in: Franzkowiak P/Sabo P (Hg.), Dokumente der Gesundheitsförderung, Mainz 1993, 78-83;
Ruckstuhl B, Gesundheitsförderung. Entwicklungsgeschichte einer neuen Public Health Perspektive. Mit Zeitzeugeninterviews, Weinheim 2011;
Trojan A/Legewie H, Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung. Leitbilder, Politik und Praxis der Gestaltung gesundheitsförderlicher Umwelt- und Lebensbedingungen. Frankfurt 2001;
Waller H, Gesundheitswissenschaft, Stuttgart 2006

Internetadressen:
www.who.int
www.euro.who.int
www.gesundheitsfoerdernde-hochschulen.de (Basiswissen Gesundheitsförderung/Historische Entwicklung)

Verweise: Anwaltschaft - Vertretung und Durchsetzung gesundheitlicher Interessen, Betriebliche Gesundheitsförderung, Determinanten von Gesundheit, Empowerment, Gesundheitliche Aufklärung, Gesundheitliche Chancengleichheit, Gesundheitsberatung, Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit, Gesundheitsbildung, Gesundheitsfördernde Gesamtpolitik / Healthy Public Policy, Gesundheitsförderung II: Internationale Entwicklung, historische und programmatische Zusammenhänge bis zur Ottawa-Charta 1986, Gesundheitsförderung III: Internationale Entwicklung, historische und programmatische Zusammenhänge nach Ottawa (1986) bis heute, Gesundheitsförderung IV: Die Europäische Gemeinschaft und Union als Akteur in der Gesundheitsförderung, Gesundheitsförderung und Gesunde/Soziale Stadt / Kommunalpolitische Perspektive, Gesundheitsförderung und Hochschule, Gesundheitsförderung und Kindertageseinrichtungen, Gesundheitsförderung und Krankenhaus, Gesundheitsförderung VI: Einordnung und Bewertung der Entwicklung (Terminologie, Verhältnis zur Prävention, Erfolge, Probleme und Perspektiven), Gesundheitspolitik, Gesundheitsschutz, Gesundheitswissenschaften / Public Health, Health Impact Assessment (HIA) / Gesundheits­verträglichkeits­prüfung, Health Literacy / Wissensbasierte Gesundheitskompetenz, Kompetenzförderung als Strategie der Gesundheitsförderung, Lebenslage, Lebensstil / Lebensweise, Nachhaltigkeit und nachhaltige Gesundheitsförderung, Ökologische Perspektive II: ökologische Gesundheitsförderung, Organisationsentwicklung als Methode der Gesundheitsförderung, Partizipation / BürgerInnenbeteiligung, Partnerschaften für Gesundheit, Patientenberatung / Patientenschulung, Primäre Gesundheitsversorgung / Primary Health Care, Prävention, Risikofaktoren, Salutogenetische Perspektive, Selbsthilfe, Setting-Ansatz in der Gesundheitsförderung, Soziale Netzwerke und Netzwerkförderung, Soziale Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit, Vermitteln und Vernetzen


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